Reportage

»Wie verändert ist die Welt am nächsten Morgen!«
Pás-cha (Πάσχα) – das griechisch-orthodoxe Osterfest auf der Chalkidikí

Dieses Jahr ist es wieder so weit: 2025 fällt das Osterfest von evangelischer/katholischer und griechisch-orthodoxer Kirche auf denselben Tag, nämlich den 20. April. In Griechenland ist es das wichtigste Fest des Jahres, und vor allem auf dem Land werden in der Karwoche noch viele alte Osterbräuche gepflegt. Unser Autor Andreas Neumeier hat das Fest schon oft in Griechenland erlebt, schließlich recherchiert er regelmäßig für den Chalkidiki-Reiseführer vor Ort. Schon mehrmals war er zu Ostern in dem kleinen, aber quirligen Küstenort Ouranoúpoli. Wie es dort und auch in anderen Dörfern auf der Chalkidikí in der Karwoche zugeht, beschreibt er hier.

Autor Andreas Neumeier
Autor Andreas Neumeier

Da sitzen sie wieder vor den Kafeníons, die alten Männer des Dorfes, trinken ihren Mokka und lassen die Kugeln ihrer Komboloi-Kette durch die Finger gleiten. Mit aufmerksamen Blicken schauen sie den Besuchern aus Thessaloníki hinterher, die nach und nach hier eintrudeln. Ostern wird in Griechenland traditionell auf dem Land gefeiert, es reisen sogar Familienangehörige aus Kanada und Australien an, um das wichtigste Fest des Jahres in der alten Heimat zu feiern. Die sogenannte Große Woche, d. h. die Karwoche, beginnt am Großen Montag und endet am Großen Samstag um Mitternacht mit der Auferstehung von Jesus Christus. Der Gründonnerstag ist dabei einer der bedeutendsten Tage der griechischen Osterwoche, wenn in der Kirche die zwölf Evangelien vorgetragen werden, die das Leiden Christi beschreiben.

Blick auf eine bunt bemalte Kirchendecke mit einem Abbild von Jesus in der Mitte.
Stimmungsvoll – Foto: Andreas Neumeier

Die Nacht, in der Christus am Kreuz starb

Gründonnerstag, 20 Uhr. Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die Stimmung ist feierlich, es riecht nach Bienenwachs, Weihrauchschwaden durchziehen den Raum. Eine alte Frau vor mir bekreuzigt sich ununterbrochen. Die monotonen Gesänge des Chors – Manólis, dem der Campingplatz gehört, Stávros, der Bäcker aus dem kleinen Ziegelbau von gegenüber, und der alte Panajiótis haben sich heute besonders fein herausgeputzt – dringen über einen völlig übersteuerten Lautsprecher auf die Straße. Der Pope malt mit seinem Weihrauchbehälter immer neue Muster in die Luft. Fast 120 Leute sind versammelt, in der Kirche ist es eng und stickig. Nach dem sechsten Evangelium werden alle Lichter in der Kirche gelöscht. Auch die Männer aus dem Kafeníon drücken sich jetzt durch die Seitentür in den vollkommen überfüllten Raum und verfolgen die symbolische Kreuzigung Christi. Kerzen werden entzündet, die Ikonen mit schweren violetten Tüchern verhängt. Der Chor singt den altgriechischen Psalm »Simeron kremáte epi xílou« (Heute wird er an das Kreuz gehängt). Mit ernsten Mienen tragen die Menschen anschließend die Trauer ins Land hinaus.

Blick vom Altar auf einen Bischof während eines Gottesdienstes, im Hintergrund stehen Kirchenmitglieder.
Die zwölf Evangelien der Leiden Christi – Foto: Stélios Rígas

Blumen für den Epitáphios

Eine eigenartige Stimmung liegt am Karfreitag über dem Küstenort, obwohl die Kinder wie sonst auch auf der Platía tollen. Im Morgengottesdienst nimmt der Pope in der Apokathílosis Jesus’ Körper symbolisch vom Kreuz ab und legt ihn in ein weißes Laken gehüllt auf den prachtvoll mit Blumen geschmückten Epitáphios. Frauen laufen um den hölzernen Sarg herum und streuen Blütenblätter darauf. Im ganzen Land läuten den ganzen Tag über die Kirchenglocken. Das Läuten ist verhalten: etwa alle 30 Sekunden, leise, fast scheu, und unglaublich stimmungsvoll. 40 Tage fasten die Menschen vor dem Osterfest, so steht es geschrieben. »Aber«, so verrät mir Akribí, »nur noch wenige halten sich daran, schließlich braucht man viel Kraft für die tägliche Arbeit.« Doch in den Tagen vor Ostersonntag verzichten sogar die Modernen auf den Genuss von Fleisch, Käse und Eiern, und Olivenöl gibt es nur am Wochenende.
An diesem Abend sind wieder alle da. Selbst der Platz vor der Kirche ist überfüllt, als der Epitáphios von vier starken Burschen unter dem Kirchentor hindurch herausgetragen wird. Als dabei die prächtige Blumenkrone kurz zu kippen scheint, halten die Wartenden hörbar die Luft an. Die Gemeinde folgt dem heiligen Grab auf seinem Weg um die Kirche und durch die Straßen des Ortes. Jeder ist dabei darauf bedacht, die flackernde Kerze in der Hand vor jeglichem Lüftchen zu schützen. Nach dem Rundgang heben die Träger den Epitáphios in der Kirche hoch, damit die Gläubigen unter ihm hindurchlaufen können.

Eine Prozession mit einer großen Blumenkrone, die von vier Männern getragen wird.
Die Prozession des Epitáphios am Karfreitag – Foto: Andreas Neumeier

Böller beenden die Fastenzeit

Ostersamstag – ich verlasse mein Zimmer für einen Spaziergang zum Meer hinunter. Blühende Hänge, in allen Farben leuchtend, empfangen mich, ebenso der Duft von Flieder und das Summen der Bienen. Hier kann man Ostern als Fest der Auferstehung einatmen. Die Vorfreude spürt man an diesem Morgen auch in der Kirche. Nach dem ohrenbetäubenden »Stühlerücken« werden alle Kronleuchter geschwungen, die Menschen wünschen sich gegenseitig »Kalí Anástasi«, »gute Auferstehung«. Auf dem Rückweg begegnet mir Akribí wieder. Sie trägt einen großen Korb mit dem süßen Osterzopf und anderem Gebäck. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen, ich wage aber nicht zu fragen, ob ich einen dieser einladenden Kringel versuchen kann …
In der Osternacht ist die Kirche so voll, dass eine große Menschentraube noch vor dem Eingang steht. Jeder versucht, wenigstens einen Blick auf den Altar zu erhaschen, alle warten feierlich gekleidet mit der traditionell geschmückten Osterkerze (Lampáda) in der Hand auf den großen Moment.
Und endlich, um Mitternacht ist es dann so weit. Die knisternde Spannung erreicht ihren Höhepunkt. Die Lichter werden erneut gelöscht. »Christos anésti!«, »Christus ist auferstanden!«, verkündet der Pope unter dem freudigen Geläut der Kirchenglocken, Böllern und Feuerwerk. Umarmungen, Küsse, nur Freunde unter Freunden. Der Osterkuss, der Kuss der Liebe. Vergessen ist die Trauer, die Melancholie der vergangenen Tage. »Lithós anésti«, »wahrhaftig, er ist auferstanden«, wiederholen die Menschen wieder und wieder. Das Licht der Kerze am Altar, das Lebenslicht, das seinen langen Weg von der Grabeskirche in Jerusalem bis hierher gefunden hat, wird nun festlich und unendlich feierlich weitergereicht, in Sekundenschnelle entsteht ein Lichtermeer.
Doch plötzlich kommt Hektik auf, jeder will nach Hause, denn im Kreis der Familie und Freunde wird noch in dieser Nacht Mayirítsa, die Ostersuppe aus Lamminnereien, gegessen, die bereits am Morgen zuvor zubereitet wurde. Schützend hinter vorgehaltener Hand oder in kleinen Laternen wird das Osterlicht nach Hause gebracht.

Eine große Menschenmenge steht nachts vor der Kirche, alle haben eine Osterkerze in der Hand.
Verkündigung der Osterbotschaft – Foto: Stélios Rígas

Wo der Pope tanzt

Wie verändert ist die Welt am nächsten Morgen! Überall steigen Rauchsäulen auf, schon seit Sonnenaufgang werden Lämmer gegrillt. Im Hof und in den Gärten stehen die festlich gedeckten und mit Speisen beladenen Tafeln. Das Aneinanderklopfen der rot gefärbten Ostereier vor dem Verzehr ist eine uralte Tradition. Von den frühen Morgenstunden bis in den späten Abend wird bei fröhlicher Musik ausgelassen getanzt, gesungen, gelacht und bei einem guten Glas Retsína von alten Zeiten erzählt.

Ein Geistlicher und ein Mann im Anzug stoßen bunte Eier aneinander.
»Eierkampf« – symbolischer Zusammenstoß des Guten mit dem Bösen – Foto: Stélios Rígas

Traditionen rund um Ostern

Auf der Chalkidikí kann man eine Vielzahl von traditionellen Osterbräuchen erleben. Beim Tanz der »Schwarzen Aloni« versammeln sich drei Tage nach Ostern die Einheimischen von Ierissós. Die ältesten Dorfbewohner beginnen zu tanzen, danach sind alle eingeladen, sich dem am Ende über 400 Meter langen Tanzreigen anzuschließen. Im Bergdorf Arnéa wird der Ostersonntag mit Lamm, Eierschlachten und Tsouréki, dem traditionellen Hefezopf, gefeiert. Wer am meisten gegessen hat, wird am folgenden Tag auf dem Dorfplatz mit der hängenden »Kantari« ermittelt, einer Waage an der jahrhundertealten Platane am zentralen Platz, mit der alle Dorfbewohner gewogen werden – wer mehr wiegt als am Vortag, hat gewonnen.

Weitere traditionelle Veranstaltungen gibt es in Pefkohóri, Hanióti, Paleochóri, Gomáti, Galarinó, Megáli Panagía and Néos Marmarás.

Ein Mann im Anzug sitzt lachend auf einer Waage.
Wiegen auf der »Kantari« in Arnéa – Foto: Stélios Rígas

Wie in der evangelischen und katholischen Konfession findet das orthodoxe Osterfest am ersten Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond statt. Weil sich aber die orthodoxe Kirche nach dem julianischen Kalender richtet, können die Termine um bis zu fünf Wochen voneinander abweichen. 2025 fällt das Fest in beiden Kirchen allerdings wieder auf denselben Tag, den 20. April.

Vier Frauen in bunten Gewändern halten sich an den Händen und tanzen vor einer Menschenmenge.
Tanzen gehört zum Fest dazu – Foto: Stélios Rígas

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